Die Bedeutung des Angelns für Menschen mit Behinderung

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Für Millionen von Menschen in Deutschland ist Angeln eine bedeutende Freizeitaktivität und eine wesentliche Komponente der individuellen Lebensführung. Die vorliegende Studie zielte darauf ab, die sozial-psychologische Bedeutung des Angelhobbys speziell für Personen mit Behinderung aufzudecken. Dazu wurde eine strukturierte schriftliche Befragung unter im Deutschen Anglerverband e.V. organisierten Anglern mit und ohne körperlicher Schwerbehinderung durchgeführt. Nach zweimaliger Erinnerung betrug die korrigierte Rücklaufquote 67,3% (N = 954). Darunter befanden sich 347 Angler mit Schwerbehinderung. Angler mit Schwerbehinderung waren älter, lebten in Haushalten mit weniger Personen und wiesen eine geringere Schulbildung sowie eine höhere Erwerbslosigkeitsrate auf als Angler ohne Schwerbehinderung. Auch die Verteilung auf verschiedene Tätigkeitsgruppen unterschied sich deutlich zwischen den untersuchten Anglersegmenten. Verglichen mit Anglern ohne Schwerbehinderung waren Angler mit Schwerbehinderung deutlich häufiger im Ruhestand. Angler mit Schwerbehinderung wiesen ein deutlich geringeres persönliches Wohlbefinden auf als Angler ohne Schwerbehinderung. Auch die Zufriedenheit mit dem Leben im Allgemeinen war bei Anglern mit Schwerbehinderung geringer ausgeprägt. Interessanterweise zeigte sich für Angler mit Schwerbehinderung, dass sich die Zufriedenheit mit der Freizeit positiv auf das persönliche Wohlbefinden auswirkte, während dies bei Anglern ohne Schwerbehinderung nicht der Fall war. Für Angler mit Schwerbehinderung ist die Qualität des Angelhobbys mit entscheidend für die allgemeine Lebenszufriedenheit. Die Analyse des psychologischen Stellenwerts zeigte darüber hinaus auf, dass das Angelhobby im Leben von Menschen mit Schwerbehinderung eine größere soziale Rolle spielt als bei Anglern ohne Schwerbehinderung. Angler mit und ohne Schwerbehinderung unterschieden sich in einer Reihe von anglerischen Merkmalen wie z.B. Investition in das Angelhobby und Nutzungshäufigkeit des Hauptangelgewässers. Wie erwartet zeigten sich Angler mit Behinderung in ihrer Mobilität eingeschränkt und waren beim Angeln häufig auf die Hilfe anderer angewiesen. Erstaunlicherweise zeigten sich aber keine signifikanten Unterschiede im Angelengagement zwischen Anglern mit und ohne Schwerbehinderung. Dies indizierte, dass sich die eingeschränkte Mobilität bei Angler mit Schwerbehinderung nicht in reduzierter Angelaktivität manifestiert. Die Umfrage bestätigte die vielfältigen Nutzen, die das Angeln sowohl Menschen mit als auch ohne Schwerbehinderung stiftet. So trägt Angeln z.B. zur Entspannung und Erholung bei. Zudem werden das soziale Miteinander und die Persönlichkeitsentwicklung gefördert. Dies war besonders bei Anglern mit Schwerbehinderung ausgeprägt, was die immense sozial-psychologische Bedeutung des Angelns und die Vielschichtigkeit der durch das Angeln gestifteten Werte für das Individuum und kollektiv für die Gesellschaft dokumentiert. Angler mit Schwerbehinderung erfahren zahlreiche Hemmnisse, die die gewünschte Angelhäufigkeit reduzieren. Im Gegensatz zu Anglern ohne Schwerbehinderung waren für Angler mit Schwerbehinderung besonders Zugangshemmnisse, Alleinseins- und Unsicherheitsaspekte sowie zwischenmenschliche Hemmnisse und mangelnde Gesundheit Gründe für eine reduzierte Angelaktivität. Angler ohne Schwerbehinderung hingegen erfuhren allgemeine Zeitknappheit aufgrund familiärer und beruflicher Verpflichtungen in stärkerem Maße einschränkend als Angler mit Schwerbehinderung. Bei der Betrachtung der befischten Gewässer offenbarten sich bei beiden Anglergruppen deutliche Vorlieben für Anglerverbands- bzw. -vereinsgewässer und ähnliche Fischartenpräferenzen (Karpfen, Hecht und Aal als begehrteste Fischarten). Allerdings wurden gut zugängliche, erschlossene Gewässer signifikant häufiger von Anglern mit als von Anglern ohne Schwerbehinderung beangelt. Ihrem Hobby gingen Befragte mit Schwerbehinderung seltener mit der auf Mobilität angewiesenen Spinnangel nach als Befragte ohne Schwerbehinderung. Bei den Vorschlägen für eine Verbesserung der Angelqualität hatte für Angler mit Schwerbehinderung folglich die Verbesserung von Begehbarkeit und Zugang oberste Priorität. Die vorgelegten Ergebnisse belegen die besondere soziale und psychologische Bedeutung des Angelns für Menschen mit Behinderung und die von dieser Angelgruppe spezifisch erfahrenen Einschränkungen und Probleme. Durch Berücksichtigung und Adressierung dieser Gesichtspunkte können die Qualität des Freizeiterlebnisses und damit die Lebensfreude und das persönliche Wohlbefinden von Anglern mit Schwerbehinderung substantiell gesteigert werden. Entsprechende Empfehlungen für die praktische Gestaltung werden in der vorliegenden Studie abschließend diskutiert.

Freudenberg, P., Arlinghaus, R., Brämick, U. (2009). Die Bedeutung des Angelns für Menschen mit Behinderung. Schriften des Instituts für Binnenfischerei e.V. Potsdam-Sacrow, Band 24, 102 pp.


Veröffentlicht: 2009
Erschienen in: Schriften des Instituts für Binnenfischerei e.V. Potsdam-Sacrow, Band 24, 102 pp.